scheinheilig

Aufrichtigkeit, Freundlichkeit, Unwissenheit oder moralische Unschuld vortäuschend, während die tatsächliche Haltung oder Absicht dazu im Widerspruch steht.

Was bedeutet scheinheilig?

Scheinheilig nennt man ein Verhalten, das nach außen ehrlich, wohlwollend oder unschuldig erscheint, diesen Eindruck aber nur vorspielt. Eine Person tut etwa so, als wisse sie nichts von einem Gerücht, obwohl sie es selbst verbreitet hat. Oder sie verurteilt öffentlich eine Handlung, die sie heimlich selbst ausführt. Der Ausdruck enthält einen klaren Vorwurf der Unaufrichtigkeit.

Der religiöse Bestandteil heilig beschränkt den heutigen Gebrauch nicht auf Glaubensfragen. Scheinheilig können auch eine Entschuldigung, eine besorgte Frage oder eine moralische Empörung wirken. Entscheidend ist die Spannung zwischen dem vermittelten Eindruck und dem tatsächlichen Wissen oder Handeln. Eine höfliche Formulierung, private Zurückhaltung oder ein ehrlicher Meinungswechsel reichen als Beleg nicht aus. Wer den Vorwurf erhebt, muss die behauptete Verstellung genauer begründen können.

Drei Beispiele für scheinheilig

Eigene Sprachbeispiele mit Erläuterungen.

„Er fragte scheinheilig, wer die Nachricht weitergegeben habe, obwohl er sie am Morgen selbst verschickt hatte.“

Die Frage spielt Unwissenheit vor. Das ausdrücklich genannte eigene Handeln macht die Verstellung im Beispiel überprüfbar.

„Sie verurteilte scheinheilig jede Bevorzugung, sorgte aber hinter den Kulissen für eine Ausnahme zugunsten ihres Bruders.“

Öffentlicher Maßstab und eigenes Vorgehen widersprechen einander. Die Heimlichkeit stützt die Deutung, dass die moralische Haltung nur vorgeführt wird.

„Die Erzählerin hielt seine Entschuldigung zunächst für scheinheilig; später erkannte sie, dass er seinen Fehler tatsächlich wiedergutmachen wollte.“

Das Beispiel zeigt eine korrigierte Zuschreibung. Ein misstrauischer Eindruck allein stellt die behauptete Unaufrichtigkeit noch nicht fest.

Ähnliche Wörter unterscheiden

Heuchlerisch
Ist sehr nah verwandt und beschreibt das Vorspielen einer nicht vorhandenen Haltung. Scheinheilig kann besonders den demonstrativ unschuldigen oder moralisch einwandfreien Anschein hervorheben.
Höflich
Bezeichnet angemessene Umgangsformen. Nicht jedes unausgesprochene negative Gefühl macht eine höfliche Begegnung zur Heuchelei.
Schamlos
Kritisiert fehlende Hemmung oder auffällige Dreistigkeit. Eine Handlung kann zugleich schamlos und scheinheilig sein; die Wörter benennen verschiedene Seiten der Kritik.

Schreibung und Grammatik

Scheinheilig wird zusammengeschrieben: ein scheinheiliger Vorwurf, eine scheinheilige Frage, scheinheiliges Bedauern. Die Steigerung lautet scheinheiliger, am scheinheiligsten. Das Substantiv heißt Scheinheiligkeit. In er fragt scheinheilig wird die Art des Fragens beschrieben; in seine Frage ist scheinheilig wird der Frage eine Eigenschaft zugeschrieben. Bei einer Personenbezeichnung wie der Scheinheilige wird großgeschrieben.

Weitere Hinweise zur Beugung bietet die Übersicht der Adjektive.

Herkunft und Wortbildung

Die heutige Wortbildung verbindet Schein mit heilig. Schein verweist hier auf einen bloß vermittelten Eindruck; heilig trägt die Vorstellung äußerlich vorgeführter Unschuld oder moralischer Tadellosigkeit. Der aktuelle Gebrauch umfasst auch das Vortäuschen von Freundlichkeit oder Nichtwissen und ist damit nicht auf demonstrative Frömmigkeit begrenzt.

Verwendung in einer Charakterisierung

Eigener Charakterisierungsbeleg: Der Sprecher beklagt öffentlich die Sonderbehandlung anderer, organisiert sie jedoch heimlich für seinen Bruder. Sein Auftreten ist scheinheilig, weil die vorgeführte moralische Regel seinem eigenen Handeln widerspricht. Besonders wichtig ist, ob der Text beide Seiten tatsächlich zeigt. Wird die heimliche Handlung nur vermutet, sollte die Analyse die Zuschreibung als Verdacht einer Figur kennzeichnen.

Die Anleitung zur Charakterisierung erläutert das Zusammenspiel von Beobachtung, Beleg und Deutung.

Quellen und weiterführende Seiten

Quellenstand: 1. Oktober 2026. Beispiele und Anwendungshinweise sind eigene redaktionelle Erläuterungen.

Scheinheilig in der Übersicht der Charaktereigenschaften