sittsam
Den geltenden Vorstellungen von Anstand entsprechend, wohlerzogen und bescheiden; außerdem schamhaft zurückhaltend oder keusch. Das Wort wirkt heute veraltend.
Was bedeutet sittsam?
Sittsam beschreibt ein Verhalten, das als anständig, wohlerzogen und bescheiden gilt. Eine sittsame Person hält sich dem Urteil des Sprechers zufolge an die erwarteten Umgangsformen und tritt zurückhaltend auf. Daneben kann das Wort schamhafte Zurückhaltung oder Keuschheit bezeichnen. Welche dieser Bedeutungen gemeint ist, hängt davon ab, ob der Text allgemeines Benehmen oder den Umgang mit Körperlichkeit und erotischer Annäherung behandelt.
Duden kennzeichnet sittsam als veraltend. In älteren Texten kann es eine ernst gemeinte Anerkennung enthalten; heute wirkt es häufig altertümlich oder wird mit ironischem Abstand gebraucht. Dabei ist der jeweilige Maßstab wesentlich: Was eine Figur als sittsam lobt, kann eine andere als einengende Erwartung erleben. Gerade bei historischen Geschlechterrollen sollte die Analyse das Urteil einer Figur oder ihrer Umgebung wiedergeben, statt es als zeitlos gültigen Maßstab zu übernehmen.
Drei Beispiele für sittsam
Eigene Sprachbeispiele mit Erläuterungen.
„Die Tante lobte sein sittsames Benehmen, weil er die Gäste höflich begrüßte, niemanden unterbrach und sich bescheiden im Hintergrund hielt.“
Hier geht es um erwartete Umgangsformen. Der Satz nennt die bewertende Person und macht deren Maßstab sichtbar.
„Im historischen Roman verlangt die Familie von der jungen Frau ein sittsames Auftreten und missbilligt ihre offenen Gespräche über eigene Wünsche.“
Die Verwendung betrifft schamhafte Zurückhaltung. Das Beispiel beschreibt eine gesellschaftliche Erwartung, ohne sie zum Maßstab der Erklärung zu machen.
„Nach ihrer lauten und streitlustigen Rede kündigte sie mit einem Lächeln an, den Rest des Abends ganz sittsam zuzuhören.“
Der Gegensatz zum bisherigen Auftreten erzeugt einen spielerisch ironischen Ton. Die altertümliche Wortwahl ist hier Teil der Wirkung.
Ähnliche Wörter unterscheiden
- Höflich
- Benennt respektvolle Umgangsformen und ist im heutigen Alltag neutraler. Sittsam betont zusätzlich Bescheidenheit und die Übereinstimmung mit Anstandserwartungen.
- Schüchtern
- Beschreibt eine Hemmung oder Unsicherheit im Kontakt. Eine Person kann aus Überzeugung sittsam auftreten, ohne unsicher zu sein; umgekehrt ist Schüchternheit kein moralisches Urteil.
- Keusch
- Bezieht sich gezielter auf sexuelle Enthaltsamkeit oder eine entsprechende Reinheitsvorstellung. Sittsam besitzt zusätzlich den weiteren Sinn eines wohlerzogenen, bescheidenen Benehmens.
Schreibung und Grammatik
Sittsam wird mit doppeltem t geschrieben und sitt-sam getrennt. Die Beugung lautet ein sittsamer Mensch, eine sittsame Haltung und sittsames Benehmen. Die Steigerungsformen sind sittsamer und am sittsamsten. Das Substantiv heißt Sittsamkeit. In sie verhält sich sittsam wird das Adjektiv adverbial verwendet; in ihr Benehmen gilt als sittsam kennzeichnet es die zugeschriebene Eigenschaft. Wörter wie angeblich oder betont können eine Distanz zur Zuschreibung ausdrücken.
Weitere Hinweise zur Beugung bietet die Übersicht der Adjektive.
Herkunft und Wortbildung
Duden nennt spätmittelhochdeutsch sitsam mit Bedeutungen wie ruhig und bedächtig sowie althochdeutsch situsam im Sinn von geschickt oder passend. Im heutigen Wortbau ist die Verbindung von Sitte mit -sam erkennbar. Die älteren Bedeutungen zeigen, dass das Wort nicht von Anfang an ausschließlich auf sexuelle Zurückhaltung festgelegt war. Auch im heutigen Wörterbuch stehen allgemeiner Anstand und schamhafte Zurückhaltung nebeneinander.
Verwendung in einer Charakterisierung
Eigener Charakterisierungsbeleg: Elisa spricht bei Besuchen leise, widerspricht Älteren nie offen und wird deshalb von ihrem Onkel als sittsam gelobt. Die Analyse hält zunächst fest, dass der Onkel ihr Verhalten so bewertet. Anschließend können Elisas Gedanken zeigen, ob sie diese Regeln bejaht oder nur befolgt, um Konflikte zu vermeiden. Dasselbe äußere Auftreten kann dadurch eine unterschiedliche Bedeutung für ihre Charakterisierung erhalten.
Die Anleitung zur Charakterisierung erläutert das Zusammenspiel von Beobachtung, Beleg und Deutung.
Quellen und weiterführende Seiten
Quellenstand: 1. Oktober 2026. Beispiele und Anwendungshinweise sind eigene redaktionelle Erläuterungen.
